Judo, mehr als „nur“ Sport! - Eine Frage der Ehre!

Judo so wie wir es in den westlichen, nichtasiatischen Ländern kennen, ist eine Breiten- bzw. Wettkampfsportart und weiter nichts.
In den asiatischen Ländern sind Kampfkünste weit mehr als nur das Kämpfen, sie sind ein Lebensweg, der den der sich diesem verschrieben hat ohne Unterbrechung gegenwärtig ist und dem es zu folgen gilt!

Als erstes möchte ich versuchen darzulegen wo denn eigentlich der Unterschied zwischen Kampfkunst und Kampfsport begründet liegt:

Eine Kampfkunst befasst sich vollumfänglich mit allem was mit ihr zusammenhängt, z.B.:
  • Warum gibt es diese Kunst
  • Was sind die Ziele der Kunst
  • Wie hat sich die Kunst entwickelt
  • Wie bildet sich die Kunst im täglichen Leben ab (für mich, für andere)
  • Welche Auswirkungen hat die Kunst im generellen (für mich und für andere)
  • Welche Auswirkungen hat die Kunst, wenn ich sie ausübe (auf mich und auf andere)
  • Welchen Nutzen ziehen die Gesellschaft und ich aus dieser Kunst
  • Welches sind die Werte, die diese Kunst vermittelt
  • usw.

Als Jigoro Kano aus den Techniken der verschiedenen JuJitsu-Schulen Judo formte war seine Absicht eine Kampfkunst zu schaffen, welche japanische und allgemein gültige Werte mit sportlicher Betätigung verband. Hierbei stand keineswegs die Schaffung einer Sportart im Vordergrund, dies war eher ein Nebeneffekt.
Für Kano war es ein Lebensweg, ein Leitfaden, der half, basierend auf definierten Werten, das Leben zu meistern und dabei nicht seine Kultur zu verleugnen.
Im Japan der damaligen Zeit wurde versucht alles was mit der feudalen Geschichte des Landes zusammenhing auszulöschen. Dies betraf auch die Samurai, ihre Werte und alles was mit ihnen in Zusammenhang zu bringen war.
Hieraus resultieren zum Beispiel die massiven Schwierigkeiten von Jigoro Kano einen Meister des JuJitsu zu finden, der gewillt war ihn auszubilden.

Kano hatte keine andere Option als dem was er da zusammengetragen hatte einen neuen Namen zu geben um nicht direkt mit den zu dieser Zeit verpönten Samurai in Verbindung gebracht zu werden.
Mitnichten war Judo ungefährlich oder gar entschärft worden! Wer sich die Mühe mach alte Schriften zu durchstöbern wird feststellen, dass es zu dieser Zeit üblich für Judoka war sich vor einem Wettkampf von der Familie so zu verabschieden, als ob man nicht wiederkehre!
Das erste Curriculum der Techniken des Kodokan beinhaltete dann auch noch viele der althergebrachten Schlachtfeldtechniken, was erst mit der Herausgabe des zweiten Curriculums geändert wird und ein deutlicher Ruck in Richtung der weniger gefährlichen Techniken vollzogen wurde. Dies wurde speziell über die Art und Weise der Ausführung erreicht.

Später nach Ende des zweiten Weltkrieges und in den 50er Jahren wurde vom Kodokan das reine Sportjudo propagiert.
Techniken mit hohem Gefahrenpotenzial wie z.B. Schlag- und Tritt-Techniken kennen wir heute nur aus der Demonstrationsform des Judo, der Kata.

Sportjudo, ist definiert für den sportlichen und fairen Wettkampf und nicht zum Überleben oder der Selbstverteidigung geeignet.
Hierbei gibt es ein Curriculum mit vordefinierten Inhalten die zwei Judoka gegeneinander ausüben können.

In den Judoverbänden hat man versucht, mit mehr oder weniger Erfolg, die Werte und Tugenden des ursprünglichen Judo wieder zu etablieren. Wenn wir uns nun Wettkämpfe anschauen so ist es für einen klassischen Judoka offensichtlich, dass dies gescheitert ist!
Für einen klassischen Judoka ist der Respekt vor dem Gegner und dessen Leistung sowie die Ehre beider an oberster Stelle gesetzt! Heute ist es jedoch üblich das der Gewinner eines Wettkampfes ausgelassen jubelnd und wie ein Flummi hopsend auf der Matte umherspringt!

Auch hat das Sportjudo im Laufe der Zeit das Regelwerk immer weiter beschnitten, da z.B. der Bodenkampf mangels spektakulären Geschehens Judo für den Nicht-Fachmann unattraktiv erscheinen lässt.
Für einige Jahre wurde der Bodenkampf im Prinzip direkt unterbunden.

Für einen Judoka gibt es kaum etwas anspruchsvolleres als den Bodenkampf, so er den richtig ausgebildet ist!
Glücklicher Weise ist hier eine Umkehr in der Denkweise zu verzeichnen!

Noch gibt es einige bedauerliche Tendenzen im Judo die hoffentlich bald umgekehrt werden!

Zum Beispiel ist es
  • Kinder und Jugendlichen verboten hinter dem Nacken des Gegners entlangzugreifen, weil es hierdurch bei einem Wurf angeblich zu Nackenverletzungen kommen kann - dies beruht unserer Ansicht nach auf eine mangelnde bzw. schlechte Vermittlung der Fallschule
  • allen Judoka verboten im Standkampf die Beine des Gegners zu greifen - hier wäre eine vernünftige Ausbildung im Bereich der Gegentechniken bzw. der Fallschule hilfreich
  • zu kontroversen Situationen und Kampfrichterentscheidungen auf gut Glück kommt es beim Doppelreversgriff, der angeblich ein Würgen des Gegners im Stand (auch dies ist verboten!) ermöglicht - wir haben alles Erdenkliche ausprobiert, ja, es ist unangenehm aber ein wirkliches Würgen ist so nicht möglich!

Um ein anschauliches Beispiel zu liefern, wie unterschiedlich auch heute noch die regionalen Auffassungen sind möchten wir an dieser Stelle noch ein Beispiel aus der Neuzeit Japans anführen, welches grade bei japanischen Judoka fast permanent zu beobachten ist:

Beim Jigoro Kano Cup im Januar 2005 in Tokio standen sich Kosei Inoue (Japan) und Juri Ryback (Weißrussland) im Finale gegenüber, nach nur fünf Sekunden im Kamp setzte Inoue zu einem Wurf an, welcher jedoch misslang und dazu führte das er sich eine massive und extra schmerzhafte Verletzung des rechten großen Brustmuskels zuzog. Inoue hätte nun auch kleinere Wertungen (Wazahari oder Yoko) versuchen können den Kampf zu gewinnen, jedoch setzte er trotz zunehmender Schmerzen alles daran den Kampf durch die Wertung Ippon zu gewinnen. Dies gelang ihm nach 2,20 Minuten durch einen Ashi-uchi-mata.
Er setzte also alles auf eine Karte um durch Ippon zu gewinnen und nahm dafür sogar wissentlich in Kauf, dass dies seine Judo-Kariere beenden könnte.

Warum Ippon?

Für japanische Judoka ist Ippon gleichbedeutend mit dem ultimativen Sieg! Ein Ippon ist statistisch viermal schwerer zu erzielen als eine kleinere Wertung, jedoch mit viel Ehre behaftet!

Im ursprünglich durch Kano definierten Judo gab es kein Punktesystem und auch keine Gewichtsklassen! Ippon war gleichbedeutend mit der finalen Technik auf dem Schlachtfeld und ist gleichzusetzen mit der Tötung des Gegners.
Was aus unserer Sicht verwerflich erscheint ist für Japaner ehrenhaft!
Der Gegner verliert nicht sein Gesicht, da er bis zum letzten gekämpft hat und der Gewinner ehrt den Verlierer mit der Möglichkeit sein Gesicht zu wahren.
Bushido-Kai - Judo, mehr als "nur" Sport