Vom Jujutsu zum Judo - Der Versuch eines Vergleiches

Die meisten Menschen kennen sicherlich die Begriffe Jujutsu und Judo, doch wie viele können diese wirklich unterscheiden?
Ich will versuchen hier diese beiden Begriffe zu erklären und schildern, warum Judo die Stelle von Jujutsu eingenommen hat.
In Japan wurden während der Feudalzeit verschiedene Kampfkünste vorrangig durch die Samurai entwickelt und ausgeübt: der Gebrauch der Lanze, Bogenschießen, Schwertkampf, und viele mehr.
Jujutsu war eine von diesen Kampfkünsten. Auch als Taijutsu und Yawara bezeichnet, bildete es ein System von Angriffen wie etwa Werfen, Schlagen, Treten, Stechen, Schneiden, Würgen, Hebeln und Festhalten, sowie von Verteidigungen gegen diese Angriffe.
Der eigentliche Hintergrund der zur Entwicklung dieser Jujutsu Techniken führte war auf den Schlachtfeldern seiner Zeit begründet und fußte in der Situation, in der ein Samurai all seiner Waffen beraubt auf dem Schlachtfeld überleben musste.
Hieraus ergibt sich auch die recht hohe Anzahl von Selbstfalltechniken.
Aber auch Wurftechniken die heute im modernen Sport-Judo etabliert sind lassen sich auf diese „Schlachtfeldtechniken“ zurückführen: als Beispiele seien hier der Ippon Seio-nage oder aber der Uki-goshi (Kata-Version) angeführt, welche beide die Verteidigung gegen einen Schwerthieb von Oben darstellen.
Es kursiert seit langem die Aussage, das es sich beim Angriff in der Kata, welcher dann mit Uki-goshi gekontert wird um einen Schlag mit der Faust auf den Helm des Angreifers handelt. Nimmt man die Beschaffenheit eines Samurai-Helmes als Grundlage so wäre ein solcher Angriff für den Träger des Helmes ohne nennenswerte Auswirkungen geblieben, jedoch hätte der Angreifer mit einer nicht unerheblichen Wahrscheinlichkeit eine signifikante Verletzung davongetragen.
Tauscht man aber die bloße Hand gegen eine schwertführende Hand, an deren Unterseite sich der Schwertknauf befindet oder gar mit der Klinge angegriffen wird, so werden dies Techniken schlüssig und sinnvoll.
Obwohl Jujutsu-Techniken bereits seit alters her bekannt waren, dauerte es noch bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts, bis Jujutsu systematisch geübt und unterrichtet wurde.
Während der Edo-Zeit (1603 – 1868) entwickelte es sich zu einer komplexen Kunst, die von Meistern zahlreicher Schulen unterrichtet wurde.

In seiner Jugend studierte Jigoro Kano unter vielen bedeutenden Meistern. Deren umfangreiches Wissen, das Ergebnis jahrelanger intensiver Studien und reichhaltiger Erfahrungen war für Ihn von großem Wert. Jedoch präsentierte zu dieser Zeit jeder Meister seine Kunst als eine reine Sammlung von Techniken.
Keiner von ihnen bemerkte ein Leitprinzip, das hinter dem Jujutsu stand. Als Kano mit unterschiedlichen Lehrweisen einzelner Techniken konfrontiert wurde, wusste er oftmals nicht, welche davon den nun korrekt war.
Das brachte Jigoro Kano dazu, nach einem Prinzip zu suchen, das dem Jujutsu zugrunde lag – eines, das sowohl dann gültig war, wenn man seinen Gegner z.B. durch einen Tritt oder Stoß traf, als auch dann, wenn man ihn warf.
Nach eingehenden Studien entdeckte Kano ein alles beherrschendes Prinzip: der möglichst wirksame Gebrauch von geistiger und körperlicher Energie. Mit diesem Prinzip im Hinterkopf betrachtete und analysierte Kano nochmals alle Methoden von Angriff und Verteidigung, die er erlernt hatte und behielt nur jene bei die im Einklang mit diesem Prinzip waren.
Alle Techniken, die diesem Prinzip nicht entsprachen, ließ Kano weg und ersetzte sie mit Techniken, die dem grundsätzlichen Prinzip entsprachen.
Wie in verschiedenen Werken Kano’s nachzulesen betitelte er dies auch als das entfernen ineffektiver Techniken, welche sodann durch effektive Techniken ersetzt wurden. Oftmals wird dies fälschlicher Weise als die Entfernung gefährlicher Techniken bezeichnet.
Das auf diese Weise entstandene Repertoire an Techniken, die Kano als Judo betitulierte, dies ermöglichte die Unterscheidung zu den Techniken des Jujutsu.
Diese Sammlung von Techniken wird am Kodokan unter dem Begriff Judo gelehrt.

Erstellt von Tom Herold, überarbeitet von Olaf Gerbig

Anmerkung:

Wie aus dem oben angeführten Text hervorgeht, gibt es mannigfaltige Möglichkeiten diverse Techniken auszuführen.
Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass eine eindeutige und somit Definition einer Technikausführung nicht möglich ist!
Eindeutig kann nur die zugrundeliegende Technik sein, z.B.:
Tai-otoshi, hierbei handelt es sich um einen Handwurf, wie letzten Endes das Bein steht ist nicht maßgeblich, da es bei korrekter Ausführung der Technik nicht aktiv am Wurf beteiligt ist, sondern nur unterstützend in Erscheinung tritt, z.B. um ein Übersteigen von Uke zu verhindern.
Exemplarisch können hier Aufnahmen von einem Lehrgang mit Tokyo Hirano (Spitzname: Mr. Tai-otoshi) herangezogen werden, in welchen er verschiedenste Versionen dieser Wurftechnik zeigt. Allen gemeinsam ist der Einsatz der Hand zur Ausführung!

Bushido-Kai - Jujitsu - Judo (Ein Vergleich)