Was ist eigentlich Judo?

So wie die meisten von uns Judo bisher wahrgenommen haben ist es eine Sportart nicht mehr und nicht weniger!

Falsch, oder sollten wir vielleicht sagen nicht ganz richtig.

Judo wurde aus den ursprünglich kämpferischen und auch recht brutalen Techniken des JuJitsu entwickelt.
Hierbei war es die Intention des Begründers dessen was wir Heute als Judo kennen Jigoro Kano nach möglichst hoher Effektivität zu streben.
Es war wie in der einschlägigen alten Literatur nachzulesen nicht seine Absicht Judo „nur“ für sportliche Zwecke zu definieren. Vielmehr ging es darum vorhandenen Techniken einem Ziel (der Effektivität) und einem Prinzip (der maximalen Wirkung) zuzuordnen.
Hierbei zog Kano Techniken aller ihm bekannten Jujitsu Schulen in Betracht und ersetzte unpassende Techniken mit solchen die den definierten Zielen entsprachen.
Hierdurch entstand eine Kampfkunst welche richtig angewandt den Vergleich mit anderen nicht zu scheuen braucht.
Hierbei muss erwähnt werden, das die Ausführung und auch die Wahl der Technik darüber entscheidet, ob Judo eine Kampfkunst im klassischen Sinne oder eine Sportart darstellt.
Fragt man heute einen Sport-Judoka nach Schlag und Tritt- bzw. Waffentechniken im Judo so erneutet man nicht selten Spott und Höhne. Fragt man man einen klassischen Judoka nach seiner Meinung zum Sportjudo, so wird dieser eher sein Unverständnis für die Ausführung von Techniken und deren Interpretation durch Sportler feststellen.

Ich möchte mich hier nun nicht dazu aufschwingen über falsch und richtig zu urteilen, dies möchte ich denen überlassen welche denken Sie seien allwissend. Ich kann heute nicht darüber urteilen was Jigoro Kano wirklich beabsichtigte, auch kann ich seinen direkten Schüler hierzu nichtmehr befragen.

Ich kann nur aus niedergeschriebenen Fakten Ableitungsversucht anstellen, welche es zu interpretieren gilt und diese somit nie eindeutig sein werden.

Jigoro Kano hatte seinen beruflichen Werdegang als Lehrer und Pädagoge, hierbei viel ihm auf, dass es seinerzeit keinen geregelten Ansatz zu sportlicher Betätigung in den Schulen und an den Universitäten gab. Um hier Abhilfe zu schaffen nutzte er das durch ihn definierte Judo, jedoch nicht ohne für entsprechende Entschärfungen zu sorgen indem gewisse Techniken als für den Sport untauglich erklärt wurden.
Dies geschah jedoch erst lange nachdem sich Judo etabliert hatte.
Wie sonst ist es zu erklären, dass Schüler des Kodokan sich vor dem Wettkampf von ihren Lieben in der Art und Weise verabschiedeten wie es Menschen tun die fest damit rechnen nicht wieder zurückzukehren, was auch des Öfteren geschah.

Auch ermutigte Jigoro Kano dazu im Rahmen des Unterrichts im Kodokan Schwert- und Stocktechniken zu erlernen.
Weitere Hinweise das Judo mehr ist als „nur“ eine Sportart sind aus den diversen Kata’s abzulesen in welchen Schlag- und Tritt-Techniken sowie der Einsatz von Waffen (Messer, Schwert, Stock und Pistole) vorkommen.

Andere Techniken werden erst schlüssig, wenn der Angriff mit einer Waffe durchgeführt wird. So zum Beispiel Ippon-seoinage, welcher die Abwehr auf einen von oben geführten Schwerthieb darstellt. Kein Mensch käme auf die Idee von oben herab zu schlagen. Oder Uki-Goshi im Rahmen der Kata, welcher als Reaktion auf einen Schlag von oben ausgeführt werden soll.
Die wohl interessanteste Aussage hierzu ist, dass es sich auf einen Faustschlag auf einen Samuraihelm handeln soll, welcher dann das absprengen der Schädelkalotte zur Folge hätte. Einer solchen Aussage ist entschieden zu widersprechen, wenn man sich mit Materialkunde im Hinblick auf Samurairüstungen und der Menschlichen Anatomie auseinandergesetzt hat. Ein solcher Schlag hätte zur Folge, das die Faust des Angreifers je nach Schlagstärke mindestens geprellt wenn nicht gar Fingerknochen gebrochen wären.
Um die Schädelkalotte des heimtragenden absprengen zu können, müsste unter dem Helm ein Unterdruck vorhanden sein, da dies nicht der Fall ist würde der Heimträger wohl eher unter einem leichten Brummschädel leiden.

Ersatz man nun die geballte Faust durch durch einen massiven Schwertknauf so hätte dies mit Sicherheit eine sinnvollere Wirkung auf den Gegner gehabt.

Fazit:

Ich denke die Wahrheit ist irgendwo in der Mitte zu suchen!
Judo als Kampfkunst definiert, hat seinen Platz, ist jedoch als Sportart zu gefährlich, sodass einige Modifikationen eingebracht werden mussten um es „massentauglich“ zu gestallten.
Ohne solche Anpassungen wäre es kaum möglich gewesen, Judo als olympische Sportart zu etablieren.

Nun ist es aber auch wichtig das vorhandenen zu erhalten und nicht verkommen zu lassen oder schlimmer noch wissentlich zu ruinieren!

Heute sind Wurftechniken bei denen die Beine gegriffen werden im Wettkampf tabu! Was soll das? Nur weil neuen Judoka das Fallen nicht mehr richtig beigebracht wird? Nein, Trainer und Lehrer sollten sich wieder auf ein ganzheitliches Lehrkonzept besinnen und ihren Schülern „richtiges“ Judo beibringen!

Ich musste im Rahmen meiner Trainer-C Ausbildung an einem Landesleistungsstützpunkt hospitieren und was mir dort geboten wurde hätte mich fast dazu gebracht die Ausbildung als Trainer abzubrechen.
Den Anspruch den der Trainer dort hatte, war mit der Stoppuhr neben der Matte zu stehen und den Beginn der Randoris anzusagen bzw. diese zu beenden.
Kein Einwirken auf die offensichtlich suboptimale Ausführung von Techniken, kein Anstand, keine Etikette und kein Benehmen!

Ich dachte für mich: Judo ist mehr als dieses alberne und sinnlose rumgehampelt auf der Matte, was ich da grade zu sehen bekam!

Judo ist:

- der faire Wettkampf auf der Matte, hergeleitet von den Auseinandersetzungen auf den Schlachtfeldern, wo der ehrliche Kampf um das Überleben zwischen zwei aufrechten Menschen ausgetragen wurde
- die Fähigkeit das auf der Matte erlernte in die eigenen Fähigkeiten und Taten außerhalb des Kampfes zu übertragen und sich daran zu orientieren
- die Fähigkeiten auf der Matte und im persönlichen sein auf die Allgemeinheit zu übertragen und somit einen Nutzen für seine Umwelt zu sein

Auf diese Aussagen basieren auch die „Judo-Werte“ des Deutschen Judo-Bundes!
Bushido-Kai - Judo